„Der ganzen Schweiz das ganze Evangelium!“

Die Botschaft von Jesus Christus gehört proklamiert, auf die Strassen! Der pensionierte Pfingstkirchenleiter Jakob Zopfi äussert sich im grossen Livenet-Interview kernig wie eh und je über Evangelisation, über die Freikirchenszene, die Taufe im Heiligen Geist und Worship.
Die Botschaft von Jesus Christus gehört proklamiert, auf die Strassen! Der pensionierte Pfingstkirchenleiter Jakob Zopfi äussert sich im grossen Livenet-Interview kernig wie eh und je über Evangelisation, über die Freikirchenszene, die Taufe im Heiligen Geist und Worship.
Livenet: Jakob Zopfi, wenn wir die Schweizer Freikirchen mit einem Schiff vergleichen, wie ist dieses Schiff unterwegs?
Jakob Zopfi: Ein kleines Schiff zieht tapfer durch die Wellen. An Bord scheint es mir gut zu stehen; da sind keine Piraten drauf. Doch sind die Segel in guter Verfassung? Das Schiff ist nach meinem Eindruck nicht in voller Fahrt. Zu sagen, dass wir vor uns hindümpeln, wäre wohl auch falsch. Aber nach 1965 entwickelten sich die Freikirchen recht erfreulich und wuchsen auch deutlich. In den letzten Jahren ist eine gewisse Stagnation eingetreten. Wir sind nicht mehr so frisch in Fahrt wie damals.

Neben den klassischen Freikirchen entstehen seit 1990 mehr und mehr neue Gemeinden, vor allem charismatischer Prägung. Zudem gibt es wachsende so genannte neokonservative Gruppen. Hat sich die Dynamik zu Neugründungen verlagert?
Ich sprach von den klassischen Freikirchen, die im Freikirchenverband zusammengeschlossen sind. Es ist nicht zu übersehen: Manche Christen wechseln aus Unzufriedenheit die Gemeinde. Die meisten neuen Gemeinden sind klein. Deswegen bezweifle ich, dass sie den Dampf der ganzen Sache ausmachen.

Warum ist nicht mehr Wind in den Segeln der Freikirchen?
Nach meinem Erleben geschah in den Siebzigerjahren ein Aufbruch. Billy Grahams Missionsgesellschaft hat mit ihren Aufrufen zur Evangelisation merklich dazu beigetragen. 1972 nahmen etwa 30 Leiter aus der Schweiz an einer grossen Konferenz in Amsterdam teil. Da gab es Ländertreffen – und wir Pfingstler sassen erstmals mit drin, ein bisschen wie Kaktusse. Man wusste nicht recht, wie man uns anfassen sollte. Den Deutschen war es nicht geheuer – sie beobachteten uns scharf, polemisierten auch ein bisschen.

Nach der Rückkehr gründeten wir die SAFE, die „Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Evangelisation“. Sie führte nie ein selbständiges Dasein, sondern wirkte immer in enger Verbindung mit dem Freikirchenverband und der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA. Aus ihr erwuchsen allerlei Initiativen, auch der Christustag.

Als Schweizerische Pfingstmission SPM zogen wir neben den bereits bestehenden Zeltmissionen eine dynamische Zeltarbeit auf. Zuerst hatten wir gedacht, das sei etwas für Leute mit Silberbärten. Aber wir sahen keine andere Möglichkeit. Auch Wilhelm Pahls evangelisierte in Zusammenarbeit mit vielen Gemeinden zwei Jahrzehnte wirkungsvoll im Zelt. Irgendwie hat sich das später verlagert. Wenn wir heute eher schlaffe Segel haben, dann auch weil diese Arbeiten ausgelaufen sind.

Die Devise „Der ganzen Schweiz das ganze Evangelium durch die ganze Gemeinde“ – wir hielten sie wie ein Banner hoch. Wer sagt das heute noch?








Worship in einer Pfingstgemeinde

Sind Schweizerinnen und Schweizer heute weniger bereit, eine aufrüttelnde Botschaft zu hören, sich zu einer Entscheidung rufen zu lassen und sich zu verpflichten? Ist es schwieriger geworden, hierzulande das Evangelium zu predigen?
Würde ich nicht meinen. Analysen kann man machen, aber ich frage, was unser Mandat ist. Ich halte mehr von der Analyse der Heiligen Schrift. Waren die Menschen zur Zeit von Jesus und von Paulus begeistert, sich in die Entscheidung stellen zu lassen?
Aber Jesus hat zur Masse gesprochen. Und er hat die Knopfloch-Evangelisation von Mensch zu Mensch betrieben, hat sich mit der Frau am Brunnen unterhalten und Zachäus vom Baum heruntergeholt. Paulus hat zur Masse gesprochen, mit einer ungeheuren evangelistischen Dynamik, die den Gemeindebau nicht ausser Acht liess.

Wir haben daran angeknüpft, uns ebenso entschieden dem persönlichen Gespräch gewidmet, wie wir die grosse Veranstaltung organisierten. Die Idee des Christustags war nicht ein Happening unter Christen; er sollte eine Botschaft an die Schweiz sein.

Manche stellen heute das glaubwürdige, gelebte Christsein in den Vordergrund. Es soll Menschen motivieren, sich mit Christus auf den Weg zu machen und ihm ihr Leben zu übergeben.
Das meine ich mit Knopfloch-Evangelisation. Aber sie genügt nicht. Die Botschaft muss wieder auf den Strassen und Gassen widerhallen, wie wir es in den Evangelien und der Apostelgeschichte lesen. Das war nicht eine Sache von Hauszellen und nachbarschaftlichen Kontakten allein, sondern eine gemeinsame Proklamation.

Journalisten haben in den letzten Jahren, angesichts des Wachstums von ICF Zürich, die Freikirchen als im religiösen Trend liegend dargestellt – aktueller als Buddhismus, die Modereligion der Neunzigerjahre.
Der Freikirchenverband und die Schweizerische Evangelische Allianz traten in den Achtzigerjahren an die Medien heran. Man kannte uns nicht. Wir mussten darlegen, wer wir sind. Denn man musste ein Insider sein, um sich zurechtzufinden in unserer vielgestaltigen Szene. Wir kämpften darum, von den elektronischen Medien wahrgenommen zu werden; der Christustag hat uns dabei geholfen. Aber wo sind wir, wenn heute in den Medien über Religion diskutiert wird?