August 2009 500 Jahre Johannes Calvin (10.7.1509 - 27.5.1564
15/July/2009
Die Reformation und 500 Jahre Johannes Calvin
(10.7.1509
- 27.5.1564)
Am 10. Juli jährt sich der Geburtstag des Genfer Reformators Johannes Calvins zum 500. Mal. Die Reformierten feiern das Jubiläum, gedenken seiner Theologie, seiner Predigten und Briefe. Da gibt es Kongresse, Festgottesdienste, Filme und Theater, Ausstellungen und bis zu Briefmarken ein buntes Bild vom Wirken des Gründungsvaters des reformierten Protestantismus.
Die markante Persönlichkeit ist mit den beiden um 25 Jahre älteren Reformatoren Luther und Zwingli zu nennen. Mit seiner Bekehrung aus dem "Aberglauben und Sumpf des Papsttums" findet er zum reformatorischen "sola sciptura, sola Christus, sola gratia, sola fide – allein die Schrift, allein Christus, allein die Gnade, allein der Glaube". Calvin hinterlässt ein gewaltiges theologisches Werk, das mehr Wirkung bringen wird als dasjenige Luthers und Zwinglis. Mit seiner Institution verfasst er die erste umfassende evangelische Dogmatik. Sie enthält nicht nur umstrittene Lehren wie die doppelte Prädestination – alle Menschen sind vor der Schöpfung von Gott entweder zu ewiger Seligkeit oder ewiger Verdammnis vorbestimmt. Es leuchtet die reformatorische Erkenntnis auf: Eintritt in die Kirche "erst durch die Wiedergeburt, erst wenn wir neue Geschöpfe geworden sind". Die Praxis allerdings sieht anders aus. Da werden alle Einwohner der Stadt durch Säuglingstaufe zur Kirche gezwungen. Diese "Christen" haben sich in der Folge nicht nur mit Schwur zum christlichen Glauben zu bekennen, sondern an den Sakramenten teilzunehmen und ein christliches Leben zu führen. Pastoren und Älteste haben das Halten der Verbote zu überwachen. In diesem "neuen Jerusalem" wird nicht getanzt, gibt es keinen Kneipen- und Theaterbesuch, haben Frisuren und Kleidungen keusch zu sein. Gottesdienstbesuch ist Pflicht. Wer nicht kommt, hat jedes Mal drei grosse Batzen Busse zu zahlen. Wer schliesslich überführt ist, nicht so zu leben, wird exkommuniziert.
Die Dramatik, um die es auch bei Calvin geht, wird an den beiden anderen grossen Reformatoren noch deutlicher:
Luther! Auch er spricht – schon auf der Wartburg, also 1523 – von der damaligen Kirche als vom "grossen Haufen, fast eitel Heiden". Im Gegensatz zur wahren Kirche, dem "heiligen Häuflein und Gemeinde der Heiligen". Aber auch er hält an der Säuglingstaufe fest, was die Wiedergeburt bedeuten soll, die zu Christen macht. Dass die völlig andere, und damit biblische Erkenntnis möglich war, zeigt sein Zeitgenosse Caspar Schwenckfeld, Ratgeber des Herzogs von Schlesien und Zeitgenosse Luthers. Die wahre Taufe ist für ihn die Taufe des Heiligen Geistes, die Taufe der Wiedergeburt und der Herzenserneuerung. Luther hält er entgegen, er bestätige durch das Festhalten an den Sakramenten den Götzendienst der römischen Kirche. Statt zu evangelisieren, taufe man. So werde die Säuglingstaufe zum Zutritt der Massen zu Kirche und Herrenmahl. Luther schlägt mit unerbittlichem Hass zurück, verhöhnt Schwenckfeld als "Stenkfeld, einen vom Teufel besessenen Narren." Er unterstellt Reformation und neue Kirche den Landesfürsten und weltlichen Gewalthabern. 1530 billigt er die Hinrichtung aller, die seiner Lehre widersprechen, auch solcher, die das Wort Gottes predigen, ohne Pfarrer zu sein, selbst wenn sie richtig lehren. Im Bauernkrieg hält er's mit den Fürsten und ermutigt: "Stich, schlage zu, erwürge so viel du kannst." Luther wird mitverantwortlich am Martyrium von Tausenden.
Zwingli hat im Aufstand und der Trennung von der römischen Kirche gewichtige Mitarbeiter: Conrad Grebel aus alter Pratizierfamilie und Ratsmitglied, an Hochschulen gebildet; Felix Manz, Sohn eines Chorherren, Sprachgelehrter für Hebräisch; Georg Blaurock, ehemaliger Mönch, ein Evangelist. Auch Zwingli hält fest, dass die Taufe in der apostolischen Gemeinde denen gegeben wurde, "die Jesus Christus als ihren Erlöser bekannt und ihren wahren Glauben bewiesen hatten". Als er die Reformation dem Rat der Stadt übergibt – dem er selber angehört –, und dieser auf Staatskirche und Säuglingstaufe beharrt, kommt es zur Trennung. 1524 weigert sich Grebel, einen Neugeborenen zu taufen. Der Rat verlangt, dass alle nicht getauften Kinder innerhalb acht Tagen zur Taufe gebracht werden müssen. Als sich Grebel und Blaurock widersetzen und ihrerseits beginnen, Gläubige zu taufen, schlägt der Rat mit Zwingli in aller Härte zu. Manz wird mit fünf weiteren Täufern in der Limmat ertränkt, Grebel stirbt im Gefängnis, Blaurock wird auf offener Strasse gegeisselt und im Tirol auf einem Scheiterhaufen verbrannt.
Die Täuferbewegung können die Reformatoren nicht ersticken. Schwenckfeld weist zu Recht auf die Gefahr hin, in ihr könne bei allem Opfersinn die Glaubenstaufe als Wiedergeburt missverstanden werden. Jedenfalls breitet sie sich mächtig aus – von Zürich ins Rheinland, zu den Niederlanden, nach England, Skandinavien und Italien. Allein im damaligen Mähren gibt es Gemeinden bis zu 6000 Getauften. Dazu ein trauriges Fazit: In der Reformationszeit sterben vier bis fünftausend Männer, Frauen und Kinder in den Flammen, im Wasser oder unter dem Schwert als täuferische Ketzer. In Holland und Friesland werden zwischen 1535 und 1546 30 000 "Wiedertäufer" umgebracht.
Ein Urteil über Reformatoren steht uns nicht zu. Tatsache ist, dass es zu ihrer Zeit zwei Ströme gibt: Den der Reformation, der an der konstatinisch-theodosianischen Sakramental- und Staatskirche festhält. Ihm gehört Calvin an, der die Wiedergeburt mit den Sakramenten der Säuglingstaufe und Herrenmahl, und die Gemeinde Jesu mit einer Jedermanns-Volkskirche ersetzt. Statt der Herrschaft des Heiligen Geistes werden Mensch und Kirche der Herrschaft weltlicher Autoritäten unterstellt, die von geistlichen Dingen keine Ahnung haben. Das Produkt ist Zwang, bestenfalls der "Schein eines gottseligen Wesens, das aber die die Kraft verleugnet" (2 Tim 3,5). Oder pur gottloses Christentum.
Der andere Strom ist der der täuferischen Erweckung.
Erbe Calvins ist die protestantische Staatskirche. Erbe des Täufertums die Freikirche.
Am 10. Juli jährt sich der Geburtstag des Genfer Reformators Johannes Calvins zum 500. Mal. Die Reformierten feiern das Jubiläum, gedenken seiner Theologie, seiner Predigten und Briefe. Da gibt es Kongresse, Festgottesdienste, Filme und Theater, Ausstellungen und bis zu Briefmarken ein buntes Bild vom Wirken des Gründungsvaters des reformierten Protestantismus.
Die markante Persönlichkeit ist mit den beiden um 25 Jahre älteren Reformatoren Luther und Zwingli zu nennen. Mit seiner Bekehrung aus dem "Aberglauben und Sumpf des Papsttums" findet er zum reformatorischen "sola sciptura, sola Christus, sola gratia, sola fide – allein die Schrift, allein Christus, allein die Gnade, allein der Glaube". Calvin hinterlässt ein gewaltiges theologisches Werk, das mehr Wirkung bringen wird als dasjenige Luthers und Zwinglis. Mit seiner Institution verfasst er die erste umfassende evangelische Dogmatik. Sie enthält nicht nur umstrittene Lehren wie die doppelte Prädestination – alle Menschen sind vor der Schöpfung von Gott entweder zu ewiger Seligkeit oder ewiger Verdammnis vorbestimmt. Es leuchtet die reformatorische Erkenntnis auf: Eintritt in die Kirche "erst durch die Wiedergeburt, erst wenn wir neue Geschöpfe geworden sind". Die Praxis allerdings sieht anders aus. Da werden alle Einwohner der Stadt durch Säuglingstaufe zur Kirche gezwungen. Diese "Christen" haben sich in der Folge nicht nur mit Schwur zum christlichen Glauben zu bekennen, sondern an den Sakramenten teilzunehmen und ein christliches Leben zu führen. Pastoren und Älteste haben das Halten der Verbote zu überwachen. In diesem "neuen Jerusalem" wird nicht getanzt, gibt es keinen Kneipen- und Theaterbesuch, haben Frisuren und Kleidungen keusch zu sein. Gottesdienstbesuch ist Pflicht. Wer nicht kommt, hat jedes Mal drei grosse Batzen Busse zu zahlen. Wer schliesslich überführt ist, nicht so zu leben, wird exkommuniziert.
Die Dramatik, um die es auch bei Calvin geht, wird an den beiden anderen grossen Reformatoren noch deutlicher:
Luther! Auch er spricht – schon auf der Wartburg, also 1523 – von der damaligen Kirche als vom "grossen Haufen, fast eitel Heiden". Im Gegensatz zur wahren Kirche, dem "heiligen Häuflein und Gemeinde der Heiligen". Aber auch er hält an der Säuglingstaufe fest, was die Wiedergeburt bedeuten soll, die zu Christen macht. Dass die völlig andere, und damit biblische Erkenntnis möglich war, zeigt sein Zeitgenosse Caspar Schwenckfeld, Ratgeber des Herzogs von Schlesien und Zeitgenosse Luthers. Die wahre Taufe ist für ihn die Taufe des Heiligen Geistes, die Taufe der Wiedergeburt und der Herzenserneuerung. Luther hält er entgegen, er bestätige durch das Festhalten an den Sakramenten den Götzendienst der römischen Kirche. Statt zu evangelisieren, taufe man. So werde die Säuglingstaufe zum Zutritt der Massen zu Kirche und Herrenmahl. Luther schlägt mit unerbittlichem Hass zurück, verhöhnt Schwenckfeld als "Stenkfeld, einen vom Teufel besessenen Narren." Er unterstellt Reformation und neue Kirche den Landesfürsten und weltlichen Gewalthabern. 1530 billigt er die Hinrichtung aller, die seiner Lehre widersprechen, auch solcher, die das Wort Gottes predigen, ohne Pfarrer zu sein, selbst wenn sie richtig lehren. Im Bauernkrieg hält er's mit den Fürsten und ermutigt: "Stich, schlage zu, erwürge so viel du kannst." Luther wird mitverantwortlich am Martyrium von Tausenden.
Zwingli hat im Aufstand und der Trennung von der römischen Kirche gewichtige Mitarbeiter: Conrad Grebel aus alter Pratizierfamilie und Ratsmitglied, an Hochschulen gebildet; Felix Manz, Sohn eines Chorherren, Sprachgelehrter für Hebräisch; Georg Blaurock, ehemaliger Mönch, ein Evangelist. Auch Zwingli hält fest, dass die Taufe in der apostolischen Gemeinde denen gegeben wurde, "die Jesus Christus als ihren Erlöser bekannt und ihren wahren Glauben bewiesen hatten". Als er die Reformation dem Rat der Stadt übergibt – dem er selber angehört –, und dieser auf Staatskirche und Säuglingstaufe beharrt, kommt es zur Trennung. 1524 weigert sich Grebel, einen Neugeborenen zu taufen. Der Rat verlangt, dass alle nicht getauften Kinder innerhalb acht Tagen zur Taufe gebracht werden müssen. Als sich Grebel und Blaurock widersetzen und ihrerseits beginnen, Gläubige zu taufen, schlägt der Rat mit Zwingli in aller Härte zu. Manz wird mit fünf weiteren Täufern in der Limmat ertränkt, Grebel stirbt im Gefängnis, Blaurock wird auf offener Strasse gegeisselt und im Tirol auf einem Scheiterhaufen verbrannt.
Die Täuferbewegung können die Reformatoren nicht ersticken. Schwenckfeld weist zu Recht auf die Gefahr hin, in ihr könne bei allem Opfersinn die Glaubenstaufe als Wiedergeburt missverstanden werden. Jedenfalls breitet sie sich mächtig aus – von Zürich ins Rheinland, zu den Niederlanden, nach England, Skandinavien und Italien. Allein im damaligen Mähren gibt es Gemeinden bis zu 6000 Getauften. Dazu ein trauriges Fazit: In der Reformationszeit sterben vier bis fünftausend Männer, Frauen und Kinder in den Flammen, im Wasser oder unter dem Schwert als täuferische Ketzer. In Holland und Friesland werden zwischen 1535 und 1546 30 000 "Wiedertäufer" umgebracht.
Ein Urteil über Reformatoren steht uns nicht zu. Tatsache ist, dass es zu ihrer Zeit zwei Ströme gibt: Den der Reformation, der an der konstatinisch-theodosianischen Sakramental- und Staatskirche festhält. Ihm gehört Calvin an, der die Wiedergeburt mit den Sakramenten der Säuglingstaufe und Herrenmahl, und die Gemeinde Jesu mit einer Jedermanns-Volkskirche ersetzt. Statt der Herrschaft des Heiligen Geistes werden Mensch und Kirche der Herrschaft weltlicher Autoritäten unterstellt, die von geistlichen Dingen keine Ahnung haben. Das Produkt ist Zwang, bestenfalls der "Schein eines gottseligen Wesens, das aber die die Kraft verleugnet" (2 Tim 3,5). Oder pur gottloses Christentum.
Der andere Strom ist der der täuferischen Erweckung.
Erbe Calvins ist die protestantische Staatskirche. Erbe des Täufertums die Freikirche.