Joseph Ratzingers "Jesus von Nazareth"

Ein herrlicher Jesus..
Zu lesen ein Genuss. Schlichter, gradliniger Stil, profundes biblisches und theologisches Wissen. Packende Entfaltung der Persönlichkeit Jesu in seiner Taufe, seinen Versuchungen, der Bergpredigt, des Vaterunser und der Gleichnisse. Joseph Ratzinger bringt wissenschaftliche Erkenntnisse ein, lehnt aber liberale Thesen der historisch-kritischen Methode rabiat ab. Er schreibt nicht als Papst. Sein Buch soll "in keiner Weise ein lehramtlicher Akt" sein. Der Jesus der Bibel ist ihm historisch stimmig.

...und doch ein Zerrbild! Gewiss, man kann nicht immer alles sagen, schon gar nicht über Jesus. Das Wegfallen wichtiger Elemente ergibt aber ein Zerrbild. Das ist schon gar nicht belanglos bei einem Jesus-Buch, das über Monate als Verkaufsschlager Bestsellerlisten anführt.

Von Jesus, dem Richter, keine Spur... Billy Graham sagt einmal, nähme man die Gerichte aus der Bibel, wäre ihr Inhalt um Vieles schmaler. Es ist eines, Jesus als herrlichen Erlöser darzustellen. Ratzinger tut es gekonnt. Man muss aber ebenso die ernsten Folgen bei seiner Ablehnung verkünden. Ratzinger tut es nicht. Selbst beim "Gleichnis vom reichen Prasser" Lk 16,19-31 nicht. Wenn Jesus dort von der unüberbrückbaren Kluft zwischen dem Schoss Abrahams und dem Hades als Ort der Qual spricht, meint Ratzinger, "er erhebe dies nicht als seine Lehre über das Jenseits, sondern folge hier vielmehr Vorstellungen, die im Judentum seiner Zeit Geltung hatten."

...so wenig wie von Jesus, dem Täufer im Heiligen Geist Das Wort des Täufers: "Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt" Joh 1,29 ist eine zentrale Aussage. Ratzinger zitiert sie zu recht. Und doch hat es die Jünger nicht vor Verzweiflung und Flucht bewahrt. Darum bündelt Jesus bei seiner Himmelfahrt seine Sendung in die Verheissung: "Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch kommen wird, und werdet Zeugen für mich sein!" Apg 1,8. Davon lesen wir bei Ratzinger nichts. Der Jesus des Kreuzes und der Auferstehung wird zu einem Zerrbild, wenn der Täufer im Heiligen Geist fehlt.

Im Licht seiner weiteren Schriften
Die bisherigen Schriften werfen ein Licht auf das, was wir in "Jesus von Nazareth" lesen. So wird Joh 3,5 zitiert: "Um ins Reich Gottes eingehen zu können, muss der Mensch wiedergeboren werden aus Wasser und Geist". J. Ratzinger fragt: "Was bedeutet Wasser und Geist?" Um zu antworten: "Es gehört dazu Gottes schöpferischer Geist, zusammen mit dem Sakrament des Mutterschosses der Kirche – die Taufe." Was er darunter versteht, wissen wir glasklar: Kirche auf dem ganzen Erdball ist ausschliesslich die auf die apostolische Sukzession des Papstes gegründete römisch-katholische Kirche, und unter der Taufe die (in der Regel Baby-)Taufe nach römischem Ritus. Alle so Getauften sind die Heiligen des Leibes Christi. Ebenfalls im Zentrum ist das Sakrament der Eucharistie: "Die römische Eucharistie ist Leben, das andere Kirchen nicht vermitteln können." Wie es denn ohne apostolische Sukzession kein authentisches Priestertum gebe.

Und die Pfingstbewegung?
J. Ratzinger versteht Pfingstler übrigens als "Flüchtlinge" in eine nach ihren Bedürfnissen rein menschlich strukturierten Organisation; als eines der Jesus-Projekte, die sich religiös gebärden mögen, in der Substanz aber atheistisch seien. Zwar sei das Gebet Johannes XXIII. um ein neues Pfingsten nicht unerhört geblieben. Wo das Charismatische aber eines nichtkatholischen Ursprungs und nicht in Verbindung mit der römischen Kirche sei, werde es zum Pfingstlertum, Fundamentalismus, Esoterismus und Sektierertum.

Die grossen Zusammenhänge nicht übersehen Man kann nicht übersehen, wie sich der Verfasser dieses Jesus-Buches selber versteht: Als Nachfolger des Apostelfürsten Petrus und Stellvertreter Christi auf Erden, der als Heiliger Vater und Zentrum der römischen Kirche auch von den vor ihm knieenden Kardinälen Huldigung entgegennimmt. Der vom Fegefeuer sagt, würde es nicht existieren, müsste man es erfinden. Der über Maria nie genug sagen kann und will, inklusive der marianischen Dogmen immerwährende Jungfräulichkeit, Erbsündlosigkeit, leibliche Aufnahme in die Herrlichkeit und Mutter der Kirche. Der am Gebet für Verstorbene und Ablass eisern festhält.

So gut uns das Buch entgegenkommt, ist es eingebettet in eine bibelfremde Welt. Es sei denn, man befolge Joseph Ratzingers Rat: Die Bibel richtig lesen, heisse in das Katholische eintreten. Und das heisst gleichsam, auch mit Joseph Ratzinger das Sola scriptura durch das römische Sola Traditio zu ersetzen. Was nun durchaus nicht zu empfehlen ist.